Wie funktioniert das Gehirn? Wie nehmen wir die Welt wahr, und wie reagieren wir auf sie? Warum gibt es noch immer keine wirklich intelligenten Maschinen und was für Irrtümern ist die klassische KI aufgesessen?
„On Intelligence“ ist ein wunderbares, verständliches und äußerst bereicherndes Buch über diese Themen. Der Autor Jeff Hawkings (Gründer von Palm Inc.) führt nichts Geringeres ein als ein neues Konzept darüber, wie das Gehirn funktioniert und was die Basiszutaten für Intelligenz sind.
Sein Denkansatz ist in seiner Einfachheit sensationell und leicht verständlich zugleich. Das Buch ist bewusst für eine große Leserschaft geschrieben und ist für interessierte Laien und Experten gleichermaßen interessant.
Im Groben beschreibt Jeff Hawkings, wie das Gehirn aus zahllosen sensorischen Eindrücken ein Modell der Umwelt bildet und dieses Modell verwendet, um mit bekannten und auch neuen Situationen umzugehen – das „memory-prediction framework“. Er führt ein assoziatives, hierarchisches Modell ein, bei dem Wahrnehmungen (zeitliche und räumliche „Muster“) in unterschiedlichen Abstraktionsgraden als Erfahrungen bzw. Erinnerungen gespeichert werden.
Hierarchisch deswegen, weil die Muster in unterschiedlichen Detailstufen vorkommen (wir können uns z. B. an die einzelnen Noten eines Musikstückes erinnern, aber wir wissen auch aus welcher Epoche es stammt). Assoziativ, weil eine an sich unvollständige Information eine Lawine an weiteren Erinnerungen auslösen kann (wenn wir nur ein Paar Noten eins Musikstückes hören, fallen uns dessen Name, der Komponist, die Epoche und vielleicht ein schöner Abend mit Freunden ein, an dem das Stück nebenher gelaufen ist).
Das „Prediction“ – die Vorhersage – im „memory-prediction framework“ beschreibt eine unbeachtete, aber fundamentale Eigenschaft des Gehirns, die gleichzeitig eine direkte Konsequenz des assoziativen Modells ist: Wir haben unbewusst permanent Erwartungen an unsere Umwelt. Wenn sie erfüllt werden, dann fällt uns das nicht weiter auf, die Welt „ist in Ordnung“. Werden unsere Erwartungen durchbrochen, sind wir alarmiert, weil wir es mit einer neuen Situation zu tun haben. Wer sich z. B. in seinem Zimmer aufhält und herumschaut, weiß unbewusst, was ihn erwartet. Wenn er auf den Schreibtisch blickt, sieht er den Arbeitsplatz und erwartet, dass dort sein Computer, ein paar Ordner und Schreibzeug herumliegen. Sollte sein Computer weg sein, gibt es Alarm – weil sich der Input nicht mit den Erwartungen deckt.
Unter dem Strich kommt heraus, dass unser Gehirn eine zwar komplexe Maschinerie ist, die aber auf einigen einfachen Grundprinzipien basiert. Es ist im Wesentlichen ausschließlich damit beschäftigt, Muster aufzunehmen (z. B. Schallwellen), sie zu abstrahieren (Töne, Akkorde, Musikstück, Album etc.), als Erinnerungen anzulegen und diese dann mit neuen Mustern zu vergleichen. Die inhärente Fähigkeit, aus zahllosen Details (z. B. das Gesicht eines Freundes) ein abstraktes Konzept zu Formen (Mensch) und dieses wiederum in eine höhere Ebene (Gesellschaft, Kultur etc.) einzuordnen ist dabei eine seiner herausragenden Fähigkeiten. Mustern von Mustern von Mustern – das sind unsere Erinnerungen, unsere Gedanken und Konzepte von der Welt. Die Kombination aus diesen permanenten Fluss von Informationen nach innen und außen, von Assoziationen und Vorhersagen könnte man als Bewusstsein bezeichnen.
Zur Homepage zum Buch geht’s hier lang: http://www.onintelligence.org/.
Mehr zum Thema „memory-prediction framework“ gibt’s hier: http://www.phillylac.org/prediction/. Auf der Seite sind Links zu einigen MPF-Papers zu finden sowie zu einem Simulatinsprogramm (mittlerweile OSS-Projekt) mit dem vielversprechenden Namen „Neocortex“.